In einer anderen Welt | 3. Netzwerktreffen 2021

Einen Menschen mit Demenz zu verstehen, seine Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle nachvollziehen zu können, das wird mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer schwieriger. Er scheint in einer anderen Welt zu leben. Pflegende, Betreuende und Begleitende sind oft ratlos, selbst verwirrt, frustriert, verzweifelt und genervt. Wie hilfreich es sein kann, einmal in diese „andere“ Welt einzutauchen und zu spüren, was Demenz für einen ganz persönlich bedeuten kann, erfuhren die Teilnehmer beim jüngsten Treffen des Netzwerk Demenz Rheingau-Taunus, zu dem die Alzheimer Gesellschaft in die Römerhalle nach Kemel eingeladen hatte.

Die 1. Vorsitzende Beate Heiler-Thomas freute sich nicht nur, nach vielen Online-Aktivitäten Netzwerkpartner mal wieder live zu sehen, sondern auch auf das Weiterbildungsangebot von Simone Viviane Plechinger. Das Demenz-Balance-Modell nach Barbara Klee-Reiter, das die Referentin an diesem Vormittag vorstellte, erlaubt Verluste und Defizite, die sich im Zuge der Erkrankung einstellen, spielerisch nachzuempfinden. Diese eindrückliche Erfahrung öffnet wieder einen Zugang zu individuellen Ressourcen, aus Ohnmacht wird Handlungsspielraum, so dass innere Defizite beim Erkrankten von außen ausgeglichen werden können – was allen gut tut. Plechinger: „Es ist oft gar nichts Großes, was eine bislang schwierige, anstrengende Situation für alle Beteiligten entspannen kann.“ Manchmal genüge eine andere Stimmlage, eine andere Körperhaltung. „Nicht das, was man sagt, sondern wie man es sagt, ist von Bedeutung“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt.

„Die Haltung ist entscheidend“, unterstrich Plechinger, dass ein halbherziges „So tun als ob“ wenig hilfreich sei. „Menschen mit Demenz reagieren sehr sensibel auf Gefühle, können Echtes von Gespieltem unterscheiden“. Aus ihrer Erfahrung in Pflegeeinrichtung, in denen sie Teams berät, begleitet und schult, weiß sie, wie gut das Demenz-Balance-Modell wirken kann, wenn alle an einem Strang ziehen, auch die Einrichtungsleitung. Leider, da waren sich die Anwesenden einig, habe Beziehungspflege (noch?) keinen hohen Stellenwert, gehe es in den meisten Heimen mehr um Verwahrung statt Begegnung und sei auch politisch nicht gewollt. „Vielleicht weil die Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Verfall und Endlichkeit einen auch mit dem eigenen Leben konfrontiert, in dem all das immer wahrscheinlicher wird und diese andere, fremde Welt der Demenz zur eigenen werden kann“, gab Beate Heiler-Thomas abschließend zu bedenken.